Warum Tragen?

Warum Tragen?

Tragen ist Körperkontakt in Bewegung. Dies vermittelt dem Tragling Sicherheit und Geborgenheit, die er bereits im Mutterleib so erleben konnte. Tragen befriedigt den Gleichgewichtssinn sowie die Sensibilität, deren Entwicklung dadurch zusätzlich gefördert werden. Kinder wurden seit Anbeginn der Menschheit getragen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, blieb für die meisten sozialen Schichten auch keine andere Möglichkeit, um sich mit dem Kind fortzubewegen, bzw. während der Betreuung des Kindes zu arbeiten. Auch heute noch werden in vielen Teilen der Welt Kinder getragen, aus Tradition aber vor allem aus praktischem Nutzen! Tragen ermöglicht uns also den Alltag mit beiden Händen zu bewältigen und trotzdem das Baby ganz nah zu spüren. Tragen fördert Bindung und ermöglicht es Müttern und auch Vätern mit ihren Kindern auf einer ganz neuen Ebene Kontakt aufzunehmen.

Der Mensch, ein Tragling

In der Tierwelt zeichnen sich Traglinge dadurch aus, dass sie zwar Merkmale eines Nestflüchters aufweisen, sich aber nicht selbstständig fortbewegen können und somit von ihrer Mutter getragen werden. Man unterscheidet passive und aktive Traglinge. Auch wenn man meinen könnte, dass der Mensch zur Gattung der passiven Traglinge gehört, da er sich ja nicht aus eigener Kraft am Körper der Mutter festhalten kann. Allerdings weisen verschiedene Reflexe, Verhaltensweisen und anatomische Besonderheiten darauf hin, dass der Mensch ein aktiver Tragling ist.

  • Palmarer Greifreflex: Streicht man über die Handinnenflächen, beugt der Säugling seine Finger. Streicht man über die Fußsohle, beugt sich der Fuß. Dies ist evolutionär gesehen ein Reflex, um sich im Fell der Mutter festzuhalten
  • Moro-Reflex: Bei Erschütterungen oder dem plötzlichen Zurückfallen, reißt der Säugling die Arme hoch und spreizt die Finger bei geöffnetem Mund. Anschließend wird die Bewegung wieder rückgängig gemacht und endet in einer Faust. Evolutionär betrachtet ist dies der Reflex, der das herunterfallen vom elterlichen Körper verhindert.
  • Anhock-Spreiz-Haltung: Hebt man einen Säugling hoch, so zieht er die Beinchen an den Körper und spreizt sie leicht bei gerundetem Rücken. Diese natürliche Position wird auch beim Tragen eingenommen. Außerdem unterstützt diese Haltung optimal die Reifung der Hüfte des Neugeborenen.
  • Muttermilch: Die Muttermmilch von Nesthockern ist relativ hoch im Fettgehalt, da Säugungen oft bis zu 24 Stunden auseinanderliegen können. Die Muttermilch des Menschen ist mit einem Fettgehalt von ~4,0% vergleichsweise gering, so wie auch bei Nestflüchtern und Traglingen in der Tierwelt, denn da die Jungen jederzeit gesäugt werden können, besteht keine Notwendigkeit für einen hohen Fettgehalt der Milch.
  • Kontaktweinen: Ein Tragling schreit bei Verlust des Körperkontaktes mit der Mutter, nicht erst bei Verlust des Sichtkontaktes wie ein Nestflüchter. [Hilsberg, Körpergefühl, 1985}]
  • Leichte Neigung der Füße nach Innen: Zusammen mit dem Fußgreifreflex, der durch Berührung der sensiblen Fußinnenseite ausgelöst wird und der sich etwa mit dem zehnten Monat verliert, ergibt sich so das Bild der Greif-Klammer-Reaktion auf das Tragen im Hüftsitz. [Manns/Schrader, Ins Leben tragen, 1995]
  • Fehlende Selbstregulierung der Körpertemperatur
  • Relative Hilflosigkeit nach der Geburt
  • Sinnesorgane sind nicht vollständig ausgereift